Die Sehnsucht der Veronika Voss 

1982

 

Filmliste Rainer Werner Fassbinder

 

  

  

Regie

Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch

Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich

Vorlage

-

Produktion

Laura/Tango/Rialto-Film/Trio/ Maran

Produzent: Peter Schühly  

Kamera

Xaver Schwarzenberger

Musik

Peer Raben

FSK

ab 16 Jahre

Länge

104 Minuten

Sonstiges

- Der Film trägt die Widmung "Für Gerhard Zwerenz" und die Bezeichnung "BRD 2 / 1955".  

- Interessanter Links zu Sybille Schmitz

- www.fassbinderfoundation.de 

- arte.tv

Auszeichnung

Der Film wurde mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnet!

Ur-/Erstaufführung

Intern. Filmfestspiele Berlin am 18.02.1982, TV: 16.01.1985 (ARD)

Genre

Melodram, Künstlerbiografie

    

  

 

Darsteller

Rolle

Rosel Zech  31.08.2011

Veronika Voss

Hilmar Thate

Robert Krohn

Annemarie Düringer

Dr. Katz

Doris Schade

Josefa

Cornelia Froboess

Henriette

Eric Schumann

Dr. Edel

Armin Mueller-Stahl

Max Rehbein

Rudolf Platte

Herr Treibel

Johanna Hofer

Frau Treibel

Elisabeth Volkmann

Grete

Hans Wyprächtiger

Chefredakteur

Peter Berling

Filmproduzent und dicker Mann

Günther Kaufmann

GI und Dealer

Lilo Pempeit

Chefin

Volker Spengler

1. Regisseur

Peter Zadek

2. Regisseur

Juliane Lorenz

Sekretärin

Dieter Schidor

Kripobeamter

Rainer Werner Fassbinder

Kinobesucher

    

     

     

Inhalt  

 

München 1955 Der Sportlehrer Robert Krohn Hilmar Thate lernt den früheren UFA-Filmstar Veronika Voss (Rosel Zech) kennen. Die Kriegszeit und der Untergang der glanzvollen deutschen Filmindustrie beendeten Veronikas Karriere und zerstörten ihre Ehe. Niemand interessiert sich mehr für den ehemaligen großen Filmstar. Ihr einziger Ausweg ist die Flucht in Alkohol und Morphium, was wiederum die skrupellose Ärztin Dr. Katz rücksichtslos ausnutzt. Robert will sie aus diesem Teufelskreis befreien und stellt der Ärztin eine Falle... Nach Die Ehe der Maria Braun und Lola ist dies der dritte Film von Rainer Werner Fassbinder in seiner Auseinandersetzung mit der Adenauer-Ära - ausgezeichnet mit dem "Goldenen Bären", 1982. (Quelle: Amazon)

 

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Szenefoto mit Rosel Zech und Erik Schumann (rechts sitzend) - Foto: Roger Fritz

Szenefoto

©Roger Fritz

In gewisser Hinsicht sind Lili Marleen und Lola die optimistischeren Versionen von der Schizophrenie eines unausweichlichen Doppellebens. Die Sehnsucht der Veronika Voss führt dagegen die Darstellung desselben Persönlichkeitszerfalls unter dem Druck unerträglicher Existenzbedingungen an einen tragischen Endpunkt. Veronika Voss (Rosel Zech) war in den vierziger Jahren ein von Goebbels bewunderter Filmstar und arbeitet jetzt an ihrem Comeback in einem Münchner Filmstudio. Nach einer zufälligen Begegnung in der Straßenbahn - er leiht ihr Fahrgeld - besorgt sich ein Sportreporter (Hilmar Thate) ihre Adresse und findet heraus, dass sie dort von einer Ärztin, die sie mit Morphium versorgt, wie eine Gefangene gehalten wird. Fassbinder bedient sich der Motive des Detektivfilms, des sensationsheischenden deutschen Problemfilms der fünfziger Jahre mit einer besonders beeindruckenden Schwarzweißfotografie, um die Atmosphäre und die Textur der Geschichte authentischer zu gestalten. Aber die eindringlichsten Szenen sind diejenigen, in denen Veronika mit der Erinnerung und den Bildern ihres früheren Stardaseins konfrontiert wird, so wie sie auf Zelluloid festgehalten sind oder wie sie sie anlässlich ihres (letzten) Geburtstages in Szene setzt. Als der verliebte Reporter, gleichfalls besessen von seiner eigenen Vorstellung von ihr, versucht, in und für die "wirkliche" Welt zu retten, wird klar, dass die Beziehung zwischen der teuflischen, ganz in Weiß gekleideten Ärztin und ihrer Patientin anderen Gesetzen gehorcht: Veronika ist letzten Endes ein freiwilliges Opfer, weil sie fasziniert ist vom Spiegel des Selbstbetrugs, den die Ärztin ihr vorhält. Dieser Betrug ist sowohl historisch (was Prominente im "Dritten Reich" gewusst haben) als auch psychologisch (womit ein Star zu seinen Leistungen befähigt wird), wobei das Kino und das Showbusiness in Fassbinders Spätwerk dazu ausersehen sind, die passenden Metaphern für jede Art von Faszination mit dem eigenen Doppelgänger zu liefern.

(Quelle: Thomas Elsaesser: "Rainer Werner Fassbinder", Bertz Verlag GbR, Berlin, 2001, Seiten 466-468, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

    

Der Sportreporter Krohn lernt spätnachts in der Straßenbahn die ehemalige Ufa-Schauspielerin Veronika Voss kennen. Er hilft

Filmaushang: Cornelia Froboess und Hilmar Thate - Foto: Einhorn-Film

Cornelia Froboess und Hilmar Thate (Filmaushang)

  

Copyright: Einhorn-Film

  

 der offensichtlich desorientierten Frau nach Hause, nur um später herauszufinden, dass sie morphiumsüchtig ist. Seltsamerweise lebt sie in der Arztpraxis einer gewissen Frau Dr. Katz, zu der sie in einem mysteriösen Abhängigkeitsverhältnis steht. Krohn ist fest entschlossen, zusammen mit seiner Freundin Henriette (Cornelia Froboess) hinter Veronikas Geheimnis zu kommen. Er gerät immer mehr in eine Welt, in der Illusion, Schein und Lüge vorherrschen. Ein Film über Licht und Schatten, expressives Schwarz und Weiss, und über die Inszenierung des Lebens als perfekte Lüge. Ohne Zweifel hat sich Fassbinder hier seine eigene Kokainsucht von der Seele gefilmt, was den Film zu einem der verschlossensten, aber auch faszinierendsten seiner Werke macht. Veronika Voss gewann 1982 den Goldenen Bären am Filmfestival von Berlin. (Kino Xenix, Zürich)

    

  

    

Armin Mueller-Stahl (Vordergrund) und Volker Spengler - Foto: Roger Fritz

Volker Spengler als Regisseur und A. Mueller-Stahl als Rehbein (Szenefoto)

 

Vielen Dank an ©Roger Fritz

   

Die Sehnsucht der Veronika Voss ist ein puristischer und schmerzhaft konsequenter Film. Es fehlen ihm völlig die mehr nach außen gerichteten unterhaltsamen Qualitäten. Er gründet auf einem so großen Weltschmerz, dass man sich an die frühen Avantgardefilme erinnert fühlt, ist technisch aber so souverän formuliert wie ein Hollywoodfilm - und mit einer für Fassbinder charakteristischen ästhetischen Originalität.

Wer es auffällig findet, dass Fassbinder in seinem eigenen Todesjahr einen so todesbesessenen Film wie Die Sehnsucht der Veronika Voss macht, übersieht, dass diese Todesbesessenheit schon immer in Fassbinders Werken zu finden war - seit dem Debütjahr 1969, als Günther Kaufmann in Götter der Pest tödlich verletzt vor einem Schaufenster mit einer blendend weißen Brautpuppe stehenbleibt. Was sich in diesem weißen Licht andeutet, ist die Hochzeit mit dem Tod, eine Grenzüberschreitung, die nicht nur nötig ist, weil die Grenzen in dieser Gesellschaft unerträglich eng sind, sondern auch deswegen, weil die Sehnsucht so groß ist, dass sie diese Grenzüberschreitung, diese Reise ins Licht fordert, die in Die Sehnsucht... vorgeführt  wird.

  

Schon im Vorspann wird eine Art Doppeltheit signalisiert, wie Fassbinder sie in all seinen Werken durch Spiegeleffekte markiert hat: mit Hilfe einer bestimmten Schattenwirkung werden die Texte des Vorspanns verdoppelt, und auch die erste Szene des Films kündigt eine unheilvolle Doppeltheit an. Der Film beginnt in einem Kino. Veronika Voss sieht einen ihrer alten Filme aus der Zeit, als sie ein gefeierter Star war. Sie spielt eine Rauschgiftsüchtige, die ihre Seele an den Teufel verkauft hat. Der Filmstoff ist mittlerweile zur bitteren Wirklichkeit für Veronika Voss geworden. Sie befindet sich in genau derselben Situation wie die Frau, die sie in dem Film darstellt.

Und die Szene enthält noch eine merkwürdige Dopplung: Neben Veronika Voss sitzt ein anonymer Zuschauer, den man als Fassbinder wiedererkennt. Den Film, den Fassbinder über Veronika Voss macht, deren alte Filme zur Wirklichkeit für sie selbst werden, wird ein halbes Jahr später zur tödlichen Wirklichkeit für Fassbinder. Dass er dieses Risiko gesehen hatte und es in gewissem Sinne sogar herbeisehnte, wird nicht nur in der ersten Szene angedeutet. Es ist ein Gefühl, das über jeder einzelnen Szene des Films liegt.

  

Während über der gesamten Produktion Fassbinders der Titel seines unvollendeten Romanprojekts Eine Reise ins Innere der

Bei Dreharbeiten: RWF und Hilmar Thate - Foto: Roger Fritz

Am Set bei Dreharbeiten: RWF und Hilmar Thate

 

Vielen Dank an ©Roger Fritz

  

 Trauer stehen könnte, so beschreibt Die Sehnsucht der Veronika Voss mit seiner blendend weißen Farbe "eine Reise ins Licht". Und diese Reise ins Licht wird zum einzig möglichen Endziel in Fassbinders Utopie, die einzig mögliche Erlösung in einem Gesellschaftssystem, das so verkrustet ist, dass keine konkreten Veränderungen in Aussicht stehen.

Die Grenzenlosigkeit, nach der Fassbinders Personen sich sehnen, finden sie erst, wenn der Tod alle Grenzen sprengt. Das ist eine Erfahrung, die von den Hauptfiguren des ersten Gangsterfilms und von Herrn R. gemacht wird, vom Obsthändler, von Frau Geesche und Effi Briest, von Franz Biberkopf und Mutter Küsters, von dem Maurer Peter und dem Schokoladenfabrikanten Hermann Hermann, von Maria Braun und Elvira Weishaupt, von der Bourgeoisie, die Terroristen spielen - ganz zu schweigen von den Personen, die, wie Whity, Petra von Kant, Martha oder Bolwieser, zwar nicht körperlich sterben, den Tod aber als totale Isolation oder physische Lähmung erleben, die aber durchaus erlösende Züge hat.

  

Die Sehnsucht der Veronika Voss beruht auf dem Schicksal des Filmstars Sybille Schmitz. Sie hatte seinerzeit die Rolle der Mutter in den Bitteren Tränen der Petra von Kant spielen sollen, aber als Fassbinder nach ihr suchte, stellte er fest, dass sie unter mysteriösen Umständen Selbstmord verübt hatte. Seitdem wurde er den Gedanken an ihr Schicksal nicht mehr los.

  

Das nächste Projekt Fassbinders mit der Veronika-Voss-Darstellerin Rosel Zech sollte eine Verfilmung von George Batailles Roman "Le Bleu du Ciel" sein. Aber vielleicht ahnte er schon, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb und dass er riskierte, sich im Blau des Himmels aufzulösen. Jedenfalls nannte er den Film im Film, in dem Veronika Voss mitwirkt "Blauer Himmel" - vielleicht um so weit wie möglich zu kommen, solange noch Zeit war.

(Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seiten 364-371, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

    

  

  

  
   

   

 

 

 

 

 

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 18. Mai 2016

  

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Die Fotos  wurden mir freundlicherweise von Einhorn-Film und dem Fotografen und Schauspieler Roger Fritz zur Verfügung gestellt.