Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel

1975

  

  

Filmliste Rainer Werner Fassbinder

  

  

  

   

Regie

Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch

Rainer Werner Fassbinder, unter Mitarbeit von Kurt Raab

Produktion

Tango Film

Bauten

Kurt Raab

Kamera

Michael Ballhaus

Musik

Peer Raben

Schnitt

Thea Eymèsz

FSK

ab 16 Jahre

Länge

120 Minuten

Sonstiges

Kosten ca. 750.000 Mark, Drehzeit von Februar - März 1975, Drehort Frankfurt/Main. Fassbinder drehte den Film mit zwei verschiedenen Endversionen; eine davon war ursprünglich für den amerikanischen Markt gedacht.

Filmbeschreibung

filmzentrale.com

filmportal.de

www.fassbinderfoundation.de 

Ur-/Erstaufführung

2. Jan. 1976 (Vorauff. 7. Juni 1975, Berlin), TV-Ausstrahlung 14. Juni 1982 (ARD)

Genre

Drama

           

     

  

Darsteller

Rolle

Brigitte Mira

Emma Küsters

Ingrid Caven

Corinna

Karlheinz Böhm

Tillmann

Margit Carstensen

Frau Tillmann

Irm Hermann

Helene

Gottfried John

Niemeyer, Reporter

Armin Meier

Ernst

Kurt Raab

Barbesitzer Gustav

Peter Chatel

Fotograf

Peter Kern

Nachtclub Manager

Gustav Holzapfel

Mann im Büro

Volker Spengler

Fotograf

Vitus Zeplichal

Lilo Pempeit (Liselotte Eder)

Frau Bries, Sekretärin

Y Sa Lo

Knabs Freundin

Matthias Fuchs

Horst Knab

Adrian Hoven

Redakteur (im alternativen Ende)

Hannes Kaetner

Hausmeister (im alternativen Ende)

       

            

       

Inhalt

Gottfried John als vermeintlich loyaler Reporter, aber der Schein trügt (Szene), Quelle: Einhorn-Film

Gottfried John als "netter" Journalist

  

Foto: Einhorn-Film

Hermann Küsters läuft Amok in der Fabrik, in der er arbeitet, tötet den Personalchef und begeht Selbstmord. Mutter Küsters (Brigitte Mira) wird von Presseleuten bestürmt, und ein Illustriertenreporter (Gottfried John), zu dem sie das größte Vertrauen hat, nutzt ihre Tragödie schamlos aus. Anschließend setzen sich kommunistische Journalisten (Margit Carstensen, Karlheinz Böhm) mit ihr in Verbindung und werben sie für ihre Partei. Sohn und Schwiegertochter (Armin Meier und Irm Hermann) verlassen sie, ihre Tochter, eine Sängerin (Ingrid Caven), macht Karriere als "Tochter des Fabrikmörders". Schließlich wird sie von Linksextremisten aufgesucht, die sie zur Teilnahme an einer gewalttätigen Aktion überreden. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei findet Mutter Küsters den Tod.

(Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seite 243, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

  

  

Der Titel ist eine offene Anspielung auf den bekannten sozialkritischen Arbeiterfilm aus dem Jahres 1929: Piel Jutzis Mutter Krausens Fahrt ins Glück. Der Film beginnt, wo andere Filme Fassbinders enden. Ein Fließbandarbeiter tötet seinen Chef und begeht anschließend Selbstmord, nachdem er von geplanten Stellenstreichungen gehört hat. Seine Frau (Brigitte Mira) und die beiden erwachsenen Kinder müssen nicht nur mit dem Verlust des Ehemannes und Vaters fertig werden, sondern auch mit dem Aufsehen, das der Fall auch den Skaldalseiten der Boulevardblätter erregt. Während der Sohn (Armin Meier) und seine Frau (Irm Hermann) die Schande fürchten, nutzt die Tochter (Ingrid Caven), eine erfolglose Nachtclubsängerin, die plötzliche Bekanntheit ihres Namens zur Förderung ihrer Karriere. Ihr Journalistenfreund (Gottfried John, Foto) schmeichelt sich bei Mutter Küsters ein und veröffentlicht einen besonders sensationslüsternen Artikel. In ihrer Verzweiflung vertraut sich Mutter Küsters einem Mittelklassepaar an, wobei sich die beiden dann als Mitglieder der Kommunistischen Partei entpuppen. Sie erklären ihr, dass die Motive ihres Mannes zwar richtig gewesen seien, die gewählten Mittel dagegen nicht. In ihrem Bemühen, ihren Mann zu rehabilitieren, wird sie Parteimitglied, aber ihre ehrliche Bescheidenheit wird von dem Paar zu Propagandazwecken missbraucht. Sie wendet sich einem jungen Anarchisten (Matthias Fuchs) zu, der ihr verspricht zu handeln. Gemeinsam mit einigen anderen Mitgliedern der Gruppe besetzen sie das Büro der Zeitung, die den verletzenden Artikel publiziert hatte. Doch zum Schrecken von Mutter Küsters nehmen die Anarchisten Geiseln und fordern die Freilassung aller politischen Gefangenen der Bundesrepublik. Beim Verlassen des Gebäudes werden beide von der Polizei erschossen.

  

Der Film, eine Hommage an Brigitte Mira - die Emmi in Angst essen Seele auf -, ist in mehrfacher Hinsicht interessant: Als Geschichtenerzähler war Fassbinder so selbstsicher, dass er, wie bei einer klassischen Tragödie, die dramatischen Rahmenereignisse (den Mord und Selbstmord zu Beginn und das finale Showdown) nicht in Szene setzte. Der abschließende Schusswechsel mit der Polizei wird lediglich durch den als Rollbild erscheinenden Text einiger Drehbuchseiten repräsentiert, was vielleicht erklärt, warum der Schuss der amerikanischen Version ganz anders aussieht: Der Anarchist ergibt sich der Polizei und Mutter Küsters schließt sich einem Nachtwächter an, der zwar kein Bombenbastler ist, dafür aber ein glänzender Koch. dieses Happy-End erinnert nicht nur an klassische Filme der zwanziger Jahre wie F. W. Murnaus Der letzte Mann (1924), sondern ist letztlich ebenso absurd wie die tragische Version. Der Film entzündete eine hitzige Debatte aufgrund seines bösen und pessimistischen Blicks auf "die Linke", wobei orthodoxe Kommunisten und terroristische Randgruppen mit der gleichen sarkastischen Ablehnung vorgeführt wurden.

 

In gewisser Hinsicht ist das kommunistische Ehepaar am faszinierendsten, besonders weil der westdeutsche Film äußerst selten die Existenz einer Kommunistischen Partei oder die untergründigen Verbindungen zwischen West und Ost während der siebziger Jahre ins Bild brachte. Zwar bleiben auch sie, was ihre politischen Überzeugungen angeht, Karikaturen, aber die Darsteller, die Fassbinder für diese Rollen gewählt hat, machen die Sache interessant: Gespielt werden die beiden nämlich von Margit Carstensen und Karlheinz Böhm, dem sadomasochistischen Ehepaar aus Martha, was ein bezeichnendes Licht darauf wirft, wies es dem Regisseur seiner stock company und des casting gelingt, unerwartete Querverweise zwischen den Filmen herzustellen. Die Hauptdarsteller eines Films mag in einem anderen Film lediglich einen Cameo-Auftritt absolvieren, er trägt aber die Erinnerungen an vorangegangene Rollen mit sich. So gelingen dem Regisseur subtile und mitunter auch unheimliche Echoeffekte. die den Erzählungen einen gleichzeitig geheimnisvollen wie vertrauten Grundton einschreiben. Auch wenn Fassbinders Schauspieler nicht die Wiedererkennungseffekte der bedeutenden internationalen Stars evozieren, sind die von ihnen "produzierten" Bedeutungen doch reicher als die stereotypen Darsteller in den Genrefilmen Hollywoods. Böhm, den Fassbinder auch als gutaussehenden älteren Homosexuellen in Faustrecht der Freiheit besetzt hatte, war bekanntlich an der Seite Romy Schneiders in der Rolle des Kronprinzen Franz in der SISSI-Reihe ein Opfer des typecasting, bis er einige Jahre danach den psychopathischen Frauenmörder in Michael Powells Peeping Tom (Augen der Angst; 1961) spielte, damals ein Flop, aber inzwischen zum Kultfilm avanciert. Margit Carstensen dagegen hatte fast alle tragenden Frauenrollen in Fassbinders mittlerer Periode. Sie war die großbürgerliche, intellektuelle Alternative zu Hanna Schygullas eher offenherziger Sinnlichkeit.

(Quelle: Thomas Elsaesser: "Rainer Werner Fassbinder", Bertz Verlag GbR, Berlin, 2001, Seiten 449-451, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

 

  

   

  

 

 

  

  

 

 

  

    

  

 

 

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 18. April 2016

  

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 Szenefoto und Plakat wurden mir freundlicherweise von Einhorn-Film zur Verfügung gestellt.