Warum läuft Herr R. Amok?

1969

 

Filmliste Rainer Werner Fassbinder

 

  

  

Regie

Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler

 

Regie-Assistent

Harry Baer

Drehbuch

Improvisationsvorlage von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder

Filmschnitt

Franz Walsch, d. i. Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler

Produktion

antiteater, Maran-Film, im Auftrag des SDR

Kamera

Dietrich Lohmann

Musik

Song: "Geh' nicht vorbei" von Christian Anders

FSK

ab 16 Jahre

Länge

94 Minuten

Filmbeschreibung

1. filmzentrale.com

2. www.filmportal.de

3. www.fassbinderfoundation.de

Auszeichnung

Bundesfilmpreis für die beste Regie an Fassbinder und Fengler

FBW-Bewertung

Besonders wertvoll

Ur-/Erstaufführung

28.06.1979 IFF Berlin

Genre

Drama

       

    

 

Darsteller

Rolle
Kurt Raab Herr R.
Lilith Ungerer seine Frau
Amadeus Fengler beider Sohn
Franz Maron Chef
Lilo Pempeit Kollegin im Büro
Harry Baer Kollege im Büro
Peter Moland Kollege imBüro
Hanna Schygulla Schulfreundin
Peer Raben Schulfreund
Eva Pampuch Schallplattenverkäuferin
Carla Aulaulu Schallplattenverkäuferin
Ingrid Caven Nachbarin der Familie R.
Doris Mattes Nachbarin der Familie R.
Irm Hermann Nachbarin der Familie R.
Hannes Gromball Nachbar der Familie R.
Peter Hamm Kommissar
Eva Madelung Schwester des Chefs
Johannes Fengler
Niels Peter Rudolph
Paul Haller
Ulli Lommel
Katrin Schaake
Volker Schlöndorff
Margarethe von Trotta
Reinhard Hauff
Hanna Axmann-Rezzori
Günther Kaufmann

      

  

    

Inhalt:

Thematisch gehört dieser Film zu Fassbinders klaustrophobisch geschlossenen "bürgerlichen" Filmen, aber stilistisch unterscheidet er sich von allen anderen, die er gemacht hat, und folgt einer Spur, die er später nicht wieder aufnahm und von der er sich grundsätzlich distanzierte: Der Film hat eine fast dokumentarische Haltung zu den Schauspielern, die unter ihren eigenen Namen auftreten und ihre Dialoge ohne schriftliche Vorlage, wenngleich innerhalb eines festgelegten Handlungsrahmens improvisieren. Auch die Kamera arbeitet quasi dokumentarisch. Der gesamte Film ist mit einer handgehaltenen 16mm-Kamera in nur einem knappen Dutzend Sequenzen gedreht. Nur ausnahmsweise wird geschnitten. Ansonsten ist jede einzelne Sequenz in einer ungeschnittenen Einstellung aufgenommen. Die außerordentlich wortreichen Dialoge und die entsprechend unruhige Kameraarbeit sind neu bei Fassbinder, dessen Filme bisher äußerst wortkarge Personen schilderten. In Warum läuft Herr R. Amok? wird unablässig geredet, aber es wird nicht viel gesagt. Dieser Mangel an Kommunikation wirkt genauso enervierend wie in den früheren, fast stummen Filmen. Mit ihrem Wortstrom wollen die Personen die Leere vertreiben, werden aber nur um so stärker in ihre Isolation zurückgeworfen.

  

Herr R. (Kurt Raab) ist technischer Zeichner und führt ein normales bürgerliches Familienleben. In der ersten Szene sprechen er und seine Frau mit einer Schulfreundin (Hanna Schygulla), einer Aussteigerin, die nur das tut, wozu sie Lust hat, wenn sie Lust dazu hat. Danach beschreibt der Film mit teuflischer Konsequenz, dass dieser Freiheitstraum in R.s bürgerlicher Welt keinen Platz hat. In einer Reihe von Situationen wird R.s Alltag vorgeführt: eine wort- und trostlose Sequenz zeigt ihn an seinem Arbeitsplatz, einem Raum, wo keiner mit dem anderen spricht. Auf dem Weg nach Hause will er seiner Frau eine Schallplatte kaufen, blamiert sich aber vor zwei Verkäuferinnen, weil er sich nicht mehr an den Titel erinnern kann, und versucht, die Melodie nach der Hitparade vom letzten Abend zu summen. Beim Zubettgehen mit seiner Frau finden zwar körperliche Annäherungsversuche statt, aber es wird nichts Richtiges daraus. Beim Nachmittagskaffee mit R.s Eltern wird unentwegt über nichts geschwätzt, während R. sich immer mehr isoliert. Bei einem anschließenden Spaziergang in der Natur findet der einzige "Ausbruchsversuch" des Films statt: R.s kleiner Junge entwischt der langweiligen Gesellschaft der Erwachsenen und versteckt sich im Wald, wird aber schnell wieder eingefangen. Dieses Fluchtthema wiederholt sich in der Schule des Jungen: R. und seine Frau werden zu einem Gespräch mit der Lehrerin gebeten. Sie wundert sich darüber, dass er trotz seiner deutlichen Intelligenz im Unterricht völlig unkonzentriert ist und ein Problem noch gar nicht begriffen hat, wenn seine Mitschüler es schon gelöst haben. Auch die mangelnde Konzentration ist ein Fluchtversuch: Wer nicht physisch flüchten kann, dem bleibt immer noch die Möglichkeit, sich innerlich zurückzuziehen.

In den folgenden Sequenzen wird R.s Isoliertheit in seinem Milieu vertieft. Ein Treffen mit den Nachbarinnen verläuft unsäglich formell, und ein Firmenfest endet mit einem qualvollen Fiasko, als R. stockbesoffen eine Rede darüber halten möchte, wie vorzüglich Zusammenhalt und Kameradschaft an ihrem Arbeitsplatz gedeihen, während der Film schon längst die Realität hinter den Phrasen der Festrede aufgedeckt hat. 

Zentral für den Film ist außerdem eine Szene, in der R. einen alten Schulfreund (Peer Raben) zu sich nach Hause eingeladen hat. In Erinnerungen an die Schulzeit versunken, beginnt R. zur Mundharmonika des Freundes das alte Kirchenlied "Wohin soll ich mich wenden?" zu singen, das mit der tröstlichen Gewissheit endet: "Du heilest jeden Schmerz". Diese Liedsequenz fungiert in gewisser Weise als eine friedliche Oase im Film, ist aber, im Zusammenhang gesehen, bitter ironisch: das Kirchenlied ist eine leere Geste, die in R.s Welt sinnlos bleibt, Relikt einer verschwundenen Kulturform, und hat dieselbe Funktion wie die vielen Zitate aus den Hollywoodfilmen unserer Kindheit in Fassbinders Gangsterfilmen.

Es ist die nostalgische Erinnerung an eine Welt, in der die Dinge Sinn und Zusammenhang hatten. Manchmal taucht sie noch bruchstückhaft im Bewusstsein der Personen auf, obwohl diese Kulturfragmente nicht mehr ihrer Situation entsprechen. In ihrer Unfähigkeit, sich mitzuteilen, greifen die Personen auf Rituale zurück, die inzwischen völlig inhaltsleer geworden sind.

Die Kirchenlied-Szene ist im Übrigen auf eine besonders ergreifende Weise mit der Fluchtszene des Kindes verwandt. In diesem sentimentalen Augenblick sind die beiden erwachsenen Männer wieder in eine Kindheit zurückgeworfen, in der vielen Möglichkeiten immer noch offenzustehen schienen, aber jetzt, da alle Wege verschlossen sind, hat die Szene etwas Verkrüppeltes, Unreifes.

Einige Abende später erhält R.s Frau Besuch von einer Nachbarin (Irm Hermann), die plötzlich völlig inhaltsleer daherplappert in dieser enervierenden Art, die Irm Hermann so aufreizend perfekt beherrscht. R. versucht fernzusehen, aber das Gerede der Nachbarin und das Fernsehgeräusch vermengen sich zu einem so unerträglichen akustischen Trommelfeuer, dass R. einen Kerzenhalter aus Eisen packt und damit erst die Nachbarin, dann seine eigene Frau und schließlich sein Kind erschlägt. Am nächsten Tag erscheint die Polizei an seinem Arbeitsplatz, um ihn abzuholen, aber als sie ihn finden, hat er sich schon auf der Toilette erhängt.

  

In Fassbinders Gangsterfilmen ist es möglich, einen gewissen Abstand zur Gewalt zu wahren, gerade weil sie in einen Gangsterfilm hineingehört. Aber in Warum läuft Herr R. Amok? ist die Gewalt zum Greifen nahe, weil sie einem Alltagsmilieu entspringt, das wir alle bis zur Bewusstlosigkeit kennen, und weil so präzise demonstriert wird, dass genau diese Bewusstlosigkeit die Ursache der Gewalt ist. Das Furchtbare an diesem Film ist, dass wir R.s gewalttätige Handlung genau wie R. selbst fast als Befreiung erleben und der Film uns gleichzeitig durch seinen extremen Realismus das Aussichtslose und Pervertierte dieser Form von Befreiung vor Augen führt.

Wenn sich die Lebensmöglichkeiten des Menschen immer mehr in leerer Routine erschöpfen und Kontaktversuche in Worten und mechanischen Berührungen erstickt werden, wenn die Arbeitsfähigkeit in der ewig mahlenden Maschinerie eines Büros zu leerer Routine wird, dann bedeutet die plötzliche Gewaltaktion einen letzten verzweifelten Versuch, Bedürfnisse auszudrücken, die sich vielleicht zurückstellen, aber nie ganz unterdrücken lassen. Diese Form der Gewalt ist bei Fassbinder immer die letzte Lebensäußerung, die einem unterdrückten Menschen noch offensteht. Gleichgültig, ob es sich um Gangster, Kleinbürger oder Linksradikale handelt. Gewalt ist immer ein verzweifelter, sinnloser und - politisch gesehen - faschistischer Versuch der Problemlösung, an dem die Beteiligten selbst zugrunde gehen.

(Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seiten 116-118, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

  

Das alltägliche Leben einer durchschnittlichen Familie: Herr Raab ist technischer Zeichner, seine Frau hütet zuhause das einzige Kind. Den Abend verbringt das Ehepaar mit Fernsehen, das Wochenende mit Spaziergängen oder mit Kurts Eltern. Ein unauffälliges, durchschnittliches Leben mit kleinen, durchschnittlichen Schönheitsfehlern. Unerklärlich also, wieso Herr R. eines Tages, ohne sichtlichen Anlass, Frau und Kind umbringt, auch die Nachbarin, die zufällig anwesend ist, und sich am nächsten Morgen in der Firma erhängt. Und doch vermag Fassbinder eine mögliche Antwort auf die im Titel gestellte Frage zu geben; sie liegt in der unerträglichen Monströsität des Normalen.
Ein böser Film, penetrant alltäglich. Er macht spürbar, wie grausam dieses scheinbar so normale bürgerliche Leben in seinem immer gleichen Trott ist; und wie nah die Katastrophe jederzeit, und ihr Ausbrechen nur eine Frage des Zufalls.

(Quelle: Kino Xenix, Zürich)

    

  

 

 

 

    

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

   

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 18. Mai 2016

  

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