Despair - Eine Reise ins Licht

1977

 

Filmliste Rainer Werner Fassbinder

  

  

    

Regie

Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch

Tom Stoppard (nach dem Roman von Vladimir Nabokov)

Regie-Assistent

Harry Baer

Produktion

Geria/Bavaria / SFP Paris (Peter Märthesheimer, Dieter Minx)  

Schnitt

Juliane Lorenz, Franz Walsch (d.i. Fassbinder)

Kamera

Michael Ballhaus

Musik

Peer Raben

FSK

ab 12 Jahre

Länge

119 Minuten

Sonstiges / Preise

Der Film trägt die Widmung "Dedicated to / Für Antonin Artaud, Vincent van Gogh, Unica Zürn".

Originalfilm in englischer Sprache.

Filmband in Gold für Regie Fassbinder, Kamera Ballhaus und Architekt Zehetbauer

Filmbeschreibung

- filmzentrale.com

- www.fassbinderfoundation.de

Weitere Kritiken (Auszug)

- Maria Ratschewa, Medium, 3/1978

- Peter W. Jansen, Kirche und Film, Mai-Juni 1978

- H. G. Pflaum, Süddeutsche Zeitung, 19.5.1978

- Hans-Dieter Seidel, Stuttgarter Zeitung, 19.5.1978

- Dieter E. Zimmer, Die Zeit, 19.5.1978

- Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau, 20.5.1978

- Margarete von Schwarzkopf, Die Welt, 22.5.1978

- Wilfried Wiegand, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.5.1978 (Cannes-Bericht)

- Siegfried Schober, Der Spiegel, 21/1978

- Hans Ohly, Filmbeobachter, 13/1978

- Reinhold Iblacker, film-dienst, 20.6.1978

- Volker Baer, Tagesspiegel, 6.7.1978

- Klaus Eder, Rheinische Post, 22.7.1978

- Thomas Hesterberg, Kölner Stadt-Anzeiger, 1.9.1978

FBW-Prädikat

Besonders wertvoll

Ur-/Erstaufführung

Urauff. 19.5.1978 in Cannes, gleichzeitig Erstaufführung in der Bundesrepublik.

TV-Ausstrahlung 30.8.1981 / ARD

Genre

Drama

  

   

Darsteller

Rolle

Dirk Bogarde

Hermann Hermann

Andrea Ferrèol

Lydia

Volker Spengler

Ardalion

Klaus Löwitsch

Felix

Alexander Allerson

Mayer

Peter Kern

Müller

Bernhard Wicki

Orlovius

Gottfried John

Perebrodoy

Adrian Hoven

Inspektor Schelling

Roger Fritz

Inspektor Braun

Hark Bohm

Doktor

Y Sa Lo

Elsie

Lilo Pempeit

Sekretärin

Armin Meier

Vorarbeiter

Isolde Barth

Frau in Pension

Ingrid Caven

Hotelangestellte

 

 

   

          

InhaltSzenefoto 1

 

Der Schokoladenfabrikant Hermann Hermann (Dirk Bogarde) befindet sich in einer miflife-crisis. Seine Frau (Andrea Ferréol), die er ohnehin für schwachsinnig hält, hat sich einen Liebhaber genommen (Volker Spengler), sein Unternehmen steht vor dem Bankrott, der Nationalsozialismus ist im Vormarsch. Da schmiedet er einen verzweifelten Plan; er will versuchen, die Identität eines anderen Mannes anzunehmen. Er überredet einen Landstreicher, Felix (Klaus Löwitsch), die Kleider mit ihm zu tauschen und hofft außerdem, dass die Ähnlichkeit zwischen ihnen so groß ist, dass der Betrug nicht auffliegt. Anschließend erschießt Hermann "sich" in Gestalt des anderen, und mit der Identität eines anderen Mannes will er versuchen, von vorne anzufangen. Sein Fluchtversuch ist aber so dilettantisch, dass der Schwindel schnell entdeckt wird - und vielleicht war es das ja, was Hermann wirklich wollte.

(Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seite 299, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

  Szenefoto 2

Despair war bis dato Fassbinders kostspieligster Film, und der Regisseur kümmerte sich diesmal ganz besonders um die Pre-Production und das Drehbuch. Ähnlich wie Fontane Effi Briest ist auch Nabokovs Roman von Hermann Hermann, dem russischen Emigranten und Besitzer einer Schokoladenfabrik im Bereich der späten zwanziger Jahre, der Schwanengesang einer untergehenden Zivilisation. Was Fassbinder am Stoff interessierte, war - abgesehen davon, dass die aufwändigen Sets von Bergmans Das Schlangenei (1976) auf dem Münchener Bavaria-Gelände noch kostengünstig zur Verfügung standen - das Dilemma des Protagonisten (Dirk Bogarde): Wie plant man sein eigenes Verschwinden, um seine launische und ehebrecherische Frau (Andrea Ferréol), seine geschäftlichen Verbindlichkeiten und die steigende Flut von eingebildeten Mob-Gewalttätigkeiten hinter sich zu lassen. Auf einem Jahrmarkt entdeckt Hermann inmitten der vielen Arbeitslosen einen Mann (Klaus Löwitsch), der ihm exakt zu gleichen scheint. Er überredet den Fremden, die Kleider zu tauschen, erschießt ihn und lässt den Mord wie Selbstmord aussehen. Als Landstreicher verkleidet, flieht Hermann in die Schweiz, wo die Polizei ihn wegen Mordes festnimmt. Der Plan hatte einen fatalen Fehler, denn zwischen Hermann und seinem Double bestand keinerlei Ähnlichkeit.

Dieses Fehlen jeglicher Ähnlichkeit, im Roman eine clever kalkulierte Überraschung, musste im Film von Beginn an klar sein. Fassbinder (und Stoppard) konzentrieren sich auf den Zerfall einer hyperempfindsamen Persönlichkeit, eines Ästheten, der sich in Mord, Selbsttäuschung und Wahnsinn flüchtet. Höchst beeindruckend und originell ist jedoch, wie Fassbinder Hermanns  Doppelgänger-Obsession zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland in Beziehung setzt. Ohne leichtfertige Parallelen zu ziehen zwischen einer Fluchtbewegung Hermanns aus seinen persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der "Flucht" der Deutschen aus dem Chaos der Weimarer Republik in den "Wahnsinn" des Faschismus, erkennt Fassbinder im Führerkult der Deutschen die Suche nach einem idealisierten Ich und legt nahe, im Drama einer schizophrenen Persönlichkeit, die das Double unterdrückt oder sich mit diesem vertauscht, ein Dilemma von größerer Bedeutung zu erkennen. Tatsächlich wird der Topos vom Doppelgänger, den Kracauer als zentral für die verwirrte Seele des Weimarer Kinos angesehen hatte (DER STUDENT VON PRAG, 1913, Regie: Stellan Rye), SCHATTEN (1923, Regie: Arthur Robinson), (M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER, 1930, Regie: Fritz Lang), durch die in Despair angebotene Re-Lektüre der Thesen Kracauers vor dem Hintergrund neuerer sozial-psychologischer Arbeiten wie Alexander Mitscherlichs Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft (1963) ergänzt.

(Quelle: Thomas Elsaesser: "Rainer Werner Fassbinder", Bertz Verlag GbR, Berlin, 2001, Seiten 460-461, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

Sollte Hermann sein Leben damit verbringen, Schokolade zu produzieren? Er hat eine elegante Wohnung in Berlin, wo er als Exilrusse bereits seit Jahren lebt. Er fährt einen schnittigen kleinen Wagen - ein Kabriolet. Er ist mit Lydia verheiratet, einer mäßig gescheiten, aber anhänglichen und absolut begehrenswerten Frau. Die Verwaltung seines Unternehmens nimmt ihn nur wenige Stunden in Anspruch. Das Geschäft stagniert. Wahrscheinlich eine Auswirkung der weltweiten Wirtschaftskrise, die Hermann freilich nicht beunruhigt. In letzter Zeit hat er öfter das Gefühl, er könne seinen Körper verlassen, neben ihn treten und sich selbst beobachten. Eines Abends lässt er die Schlafzimmertür offen, damit er, der im Wohnzimmer sitzt, zusehen kann, wie er und Lydia sich lieben. Dieser Zustand wird für ihn wie zu einer Sucht. Er würde seine Fähigkeit, sich zu verdoppeln, gerne verfeinern, auf die Spitze treiben wie eine künstlerische Begabung.

Auf einer Geschäftsreise trifft Hermann den Landstreicher Felix. Er ist überzeugt, dass Felix ihm in allen physischen Details wie ein Spiegelbild gleicht und verabredet, postlagernd mit ihm in Verbindung zu bleiben. Die Existenz eines Doppelgängers, die ihn erst verstört, wird für Hermann nach seiner Rückkehr zur Inspiration. Wie, wenn er selbst verschwinden könnte, um mit dem Namen eines anderen ein neues Leben zu beginnen? Bis ins kleinste Detail plant Hermann ein perfektes, ein genussvolles Verbrechen - seine Neugeburt, für die ein Landstreicher sterben soll, seine Reise ins Licht.

(Quelle: Broschüre ARD Fernsehspiel, Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, Ausgabe April-Juni 1981, S. 136)

  

  

  

Im Leben eines jeden Menschen gibt es den schrecklichen, wunderbaren Moment, der wie ein Blitz in das Bewusstsein mancher und wie ein heiliger Schmerz in das Unterbewusstsein mehrerer eindringt, den Moment des Erkennens der Endlichkeit der eigenen Existenz. Aber wir haben gelernt, mit viel Falschem im Kopf viel Falsches, viel Ekel und vor allem diese merkwürdige und unnötige, aber eben offensichtlich nützende Lähmung, die uns gleichzeitig mit der Sehnsucht nach einer eigenen Utopie befällt, für richtig, zwingend, endgültig und unabänderlich zu halten. So viele falsche, klebrige Gedanken hat man uns gelehrt für unsere eigenen zu halten, dass selbst der Kampf für manchen Utopie auch immer nur wieder Mittel zulässt, die dann eben wieder falsch - nicht falscher, das nicht - aber genau so falsch wie alles sind. So wird auch die schreckliche Erkenntnis des Endenwerdens, statt zu befreien, was sie ja eigentlich müsste und könnte, zur Untermauerung des qualvollen Genießens, des Glücks in der mittelmäßigen Unfreiheit benutzbar. Der Spaß, den eben diese Erkenntnis letztlicher Sinnlosigkeit und eigentlicher Zufälligkeit jedweder Existenz, eben auch jeder Existenz ab jenem heiligen Moment des Erkennens möglich machte, - ihr wieder Sinn in der freien Entscheidung und große Kraft im Kampf für etwas Wunderbares, Mögliches, sinnlich Sinngebendes im Sinnlosen geben müsste - wird nicht als Spaß erfahrbar gelehrt, nicht als lustvoll befreite Lust, sondern als Angst, die in lustloser Lust die Unfreiheit genießbar macht. Dieser ehrenwerte Dschungel scheint außer der Entscheidung für den Tod keinen Weg nach draußen zu haben, außer vielleicht den einen, von dem Despair erzählt, dem Weg in den Wahnsinn, für den man sich selbst entscheiden kann. Aber mit dem "Land des Wahnsinns" ist es eben wie mit dem des Todes, sie genügen als Hoffnung nur vielleicht. Und wir haben nur unvollkommene Nachrichten der schönen Anarchie, die im "Land des Wahnsinns" die Sensationen der Freiheit möglich machen soll. Eines Tages, wenn ich von mir selbst eine Entscheidung fordere, werde ich hoffentlich Mut genug für die Wege haben und nicht dem reichhaltigen Angebot der Auswege erliegen. 

Rainer Werner Fassbinder, 1. 3. 1978

(Quelle: Broschüre ARD Fernsehspiel, Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, Ausgabe April-Juni 1981, S. 137)

    

    

  

  

  

  

  

  

 

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

   

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 16. April 2016

  

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Die Filmaushangfotos wurden mir freundlicherweise von Einhorn-Film zur Verfügung gestellt.