Fräulein Julie 

1974

 

Filmliste Rainer Werner Fassbinder

  

  

   

   

Regie

Rainer Werner Fassbinder 

Theaterstück nach

August Strindberg

Produktion

-

Ausstattung

-

Kamera

-

Musik

-

FSK

-

Länge

-

Sonstiges

Aufführung im Theater am Turm, Frankfurt

Ur-/Erstaufführung

Premiere im Oktober 1974

Genre

Theater

  

  

Darsteller

Rolle

Margit Carstensen

Julie

Irm Hermann

R. W. Fassbinder

Jean

          

          

Inhalt

  

Ausgelassen feiert das Gesinde auf einem gräflichen Herrschaftssitz die Mittsommernacht. Fräulein Julie, die stolze, mannstolle und zugleich männerverachtende, seelisch tief zerrüttete Tochter des Grafen, fordert den Diener Jean, der mit der Köchin Christine so gut wie verlobt ist, zum Tanz. Jean, selbstgefällig, ehrgeizig und nüchtern berechnend zugleich, hat hochfliegende Pläne und will sich später einmal als Hotelier in der Schweiz etablieren. Aufreizend frech und spielerisch verführend kokettiert Julie mit ihm. Zuerst noch widerstrebend, dann aber immer bereitwilliger erwidert Jean ihre Annäherungsversuche und nimmt sie schließlich, einem schnellen Abenteuer nicht abgeneigt,  mit auf sein Zimmer. Der kurzen Lust folgt rasche Ernüchterung. Klar ist, dass eine Liaison zwischen Herrin und Diener im gräflichen Haus unmöglich ist. Fluchtpläne werden geschmiedet und wieder verworfen. Die gereizte Stimmung eskaliert zum Streit. Auf Julies "Knecht ist Knecht" schleudert ihr Jean ein verächtliches "Und Hure ist Hure!" entgegen. Julie wird wird ihm allmählich lästig - und außerdem ist da noch Christine, die ihre älteren Rechte durchaus zu wahren versteht. Tief verzweifelt ergreift Julie schließlich das Rasiermesser, das ihr Jean kalt in die Hand drückt, und verlässt das Haus, um sich umzubringen. (Quelle: Inhaltsangabe aus www.odysseetheater.com, mit freundlicher Genehmigung von Herrn Wolfgang Peter)

  

  

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Fassbinder hatte ursprünglich die Filmregisseurin Ula Stöckl gebeten, Strindbergs Fräulein Julie am Theater am Turm zu inszenieren, mit Margit Carstensen, Irm Hermann und Fassbinder in drei Rollen. Ula Stöckl konnte jedoch mit den drei Schauspielern nicht zusammenarbeiten und verließ das Theater vor der Premiere. Darauf inszenierten die Schauspieler das Stück selbst mit Fassbinder als treibende Kraft.

Man kann sich unschwer vorstellen, was Fassbinder an Fräulein Julie interessieren musste. Das tragisch gescheiterte Verhältnis zwischen der zur Oberschicht gehörenden Julie und ihrem Diener Jean wirkt in Fassbinders Version als Fortsetzung der Liebesbeziehung in den Bitteren Tränen der Petra von Kant und Faustrecht der Freiheit, und Strindbergs Schauspiel hat außerdem eine sadomasochistische und fast vampirhafte Konsequenz, die zurückgreift auf Fassbinders antiteater-Produktionen Werwolf und Blut am Hals der Katze.

  

Die kühnste Szene in Fassbinders Fräulein Julie war vor allem die Schlüsselszene, in der die vampirartige Degeneration der Liebe beschrieben wird, jene Szene, in der Fräulein Julie sich gegenüber dem Diener traditionell sehr abweisend und aggressiv zeigt: "Ich will Blut sehen, den Hirn auf einem Hauklotz - ich will dein ganzes Geschlecht in einem See wie diesem herumschwimmen sehen ...ich glaube, ich könnte aus deinem Schädel trinken, ich würde meine Füße in deinem Brustkasten baden, ich würde dein Herz braten und verzehren!"

Fassbinder/Carstensen spielen hier eine zärtliche und intime Liebesszene, in der sie einander umarmen und die gewaltigen Aggressionen sich in Liebe verwandelten. Unter den Zuschauern kam meist eine gewisse Unruhe bei dieser Szene auf, die aber trotzdem eine klare Funktion hat: Abermals die Variante eines großen Fassbinder-Themas: dass nämlich in einer Klassengesellschaft die Liebe kälter ist als der Tod und in Gewalttaten oder Todesphantasien zum Ausdruck kommt.

Die unerwartete Intimität dieser Szene war übrigens typisch für die ganze Vorstellung, der nichts Theatralisches anhaftete. Die weiße Reinheit der Bühnenbilder wurde nur von einer Treppe mitten im Raum und von einem großen Blumenstrauß auf der linken Seite gebrochen. Die Treppe diente als Metapher für die soziale Gliederung des Stücks und ähnlich wie in Martha als sexuelles Symbol. Fassbinder verwendete die Treppe auch, um den Beischlaf zwischen Jean und Julie zu markieren, der normalerweise außerhalb der Bühne stattfindet. Er ließ Julie die Treppe hinauflaufen, zurückkommen und in der Mitte mit Jean zusammentreffen, wo sie ihn umarmt und vor ihm auf die Knie fällt. Und in einer pathetisch stilisierten Geste küsst sie sein Geschlecht, während er es unbeweglich geschehen lässt.

In der Rolle des Jean spielte Fassbinder schöner als vielleicht in irgendeinem Film. Sein Spiel war klar und stilisiert, mit deutlich markierten Gesten, aber sein Kunststück war, dass er dabei nicht eine intellektuelle Pose einnahm, sondern in der Rolle blieb und sie emotional ausfüllte. Er spielte voller Wärme und zugleich analytisch. Sein persönlicher Schauspielstil zeichnete sich hier durch dieselbe Doppeltheit aus, die seine besten Regiearbeiten prägt: Kopf und Herz werden gleichzeitig angesprochen, er sucht gleichzeitig Abstand und Nähe, Verfremdung und Identifikation, intellektuelle Klarheit und emotionale Tiefe.

(Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seiten 256-257, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

  

  

    

 

 

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

   

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 17. April 2016

  

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