Die Geschwister Oppermann 

1982

 

Filmliste Egon Monk

 

  

  

Regie

Egon Monk

Drehbuch

Egon Monk

Vorlage

Nach dem Roman Die Geschwister (Oppermann) Oppenheim von Lion Feuchtwanger

Produktion

Im Auftrag von ZDF, BBC, ORF, RAI, SRG, SVT 1

Kamera

Wolfgang Treu

Musik

Alexander Goehr

FSK

-

Länge

117 und 125 Minuten

Sonstiges

Rechtzeitig zur Sendung erschien in der Reihe "Fischer Cinema" des Fischer-Taschenbuch Verlags die Ausgabe: "Fernsehfilm: 'Die Geschwister Oppermann' von Egon Monk nach dem Roman von Lion Feuchtwanger". Das Buch enthält neben einer gekürzten Drehbuchfassung Beiträge von Marte Feuchtwanger, Egon Monk und Heinz Ungureit.

Auszeichnung

-

Ur-/Erstaufführung

30. und 31.01.1983 ZDF, 2teil. Fernsehfilm

Genre

Nationalsozialismus, Geschichte, Drittes Reich

  

 

    

  

Darsteller

Rolle

Wolfgang Kieling

Martin Oppermann

Rosel Zech

Seine Frau Lieselotte, geb. Ranzow

Till Topf

Sein Sohn Berthold

Michael Degen

Dr. Gustav Oppermann

Ilona Grübel

Sybil

Peter Fitz

Prof. Edgar Oppermann

Britta Pohland

Seine Tochter Ruth

Karola Ebeling

Seine Frau Gina

Kurt Sobotka

Jacques Lavendel

Andrea Dahmen

Klara Lavendel, geb. Oppermann

Manuel Vaessen

Heinrich

Christoph Quest

Joachim Ranzow

Gert Haucke

Prof. Mühlheim

Kurt-Otto Fritsch

Prokurist Brieger

Achim Strietzel

Prokurist Hintze

Eberhard Fechner

Wels

Klaus Mikoleit

Dr. Vogelsang

Otto Kurth

Direktor Francois

Wolfgang Bahro

Kurt Baumann

Martin Floerchinger

Lorenz

Eva Brumby

Oberschwester Helene

u.v.a.

    

     

       

Inhalt

Der Film zeigt zu Beginn, wie die Geschwister Oppermann sich Anfang November 1932 im Chefkontor ihres Möbelhauses in der Berliner Gertraudenstraße zusammensetzen, um über die  Zukunft ihres Unternehmens zu beraten. Die Zeiten sind schlecht. Seit 1929, seit dem Beginn der großen Krise, sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch in jedem Jahr gewachsen. Jetzt, vor dem vierten Krisenwinter, gibt es sechs Millionen Arbeitslose in Deutschland, und seit Hitler aus der letzten Reichstagswahl als Führer der stärksten Partei hervorging, ist aus der Wirtschaftskrise endgültig auch eine Staatskrise geworden, der die Weimarer Republik, die erste Demokratie in der deutschen Geschichte, vielleicht nicht mehr lange standhalten wird. Am 6. November soll wieder gewählt werden. In ihrer Sorge, dass Hitler Kanzler werden könnte, beschließen die Oppermanns, ihr Familienunternehmen zu seinem Schutz in eine anonyme Aktiengesellschaft umzuwandeln und einen früheren Geschäftspartner, den nichtjüdischen Möbelhersteller Wels, an der neuen Firma zu beteiligen. Vor einer möglichen Wahl Hitlers sei es ein Gebot geschäftlicher Vernunft, sagt Martin Oppermann, der für seine Geschwister die Firma leitet, sich auf diesen schlimmsten Fall vorzubereiten.

  

Der Film zeigt zum Schluss, wie Anfang April 1933 die SA, die inzwischen als Hilfspolizei legitimierte Parteiarmee Hitlers, Martin Oppermann in eine ihrer improvisierten Kasernen verschleppt, ihn dort gefangen hält, verhört und misshandelt, ihm schließlich die Unterschrift abpresst, mit der er sich einverstanden erklärt, sich künftig den Anordnungen der Nazipartei zu fügen, und wie jener Wels die ihm von Hitler gebotene Gelegenheit benutzt, um sich die jüdische Firma Oppermann anzueignen, sie zu arisieren, wie man das später nennen wird. Einer nur von Hunderttausenden, die gleich ihm unter dem Hakenkreuz ihren Weizen blühen sehen, die mit Hitler auf ihre Weise, nämlich sich bereichernd, die Macht ergreifen in Deutschland, für zwölf Jahre lang.

  

In den fünf Monaten zwischen November 1932 und April 1933, den folgenreichsten in der jüngeren Geschichte unseres Landes, wird, was von der Weimarer Republik noch übrig war, von einer Rotte ehrgeiziger Konservativer, von gegeneinander intrigierenden politischen Spielern, endgültig zugrunde gerichtet, wird die Macht leichtfertig Hitler ausgeliefert, wird am 30. Januar 1933 das Dritte Reich ausgerufen, wird von der neuen Regierung der Brand des Reichstags zum Anlass genommen, die Grundrechte außer Kraft zu setzen, erlässt Hitler mit der Zustimmung des fünfundachtzigsten Reichspräsidenten von Hindenburg jene Terrorverordnungen, die bis zu seinem Ende die Grundlagen seiner Herrschaft bleiben werden und die schon jetzt, in den ersten Monaten seiner Regierung, Tod und Verfolgung Zehntausender zur Folge haben.

  

In diesen fünf Monaten widerfährt den jüdischen Geschwistern Oppermann, guten Deutschen, die sich zuvor um Politik kaum gekümmert haben, dass ihr Vaterland sie grundlos ausstößt, sie für minderwertig erklärt, sie als Verbrecher an den Pranger stellt, schuldig nämlich des Verbrechens, Juden zu sein, ihnen ihre Rechte nimmt, sie brutaler Verfolgung durch alle ausliefert, die nur von sich zu sagen brauchen, sie allein seien die wahren Deutschen. Ein Alptraum, der heute, fünfzig Jahre danach, uns Nachfahren noch immer ebenso unwirklich vorkommt wie damals den Opfern der freiwilligen Übergabe der Macht an Hitler. Noch nach dem 30. Januar 1933 protestiert der Schriftsteller Dr. Gustav Oppermann gegen die von seinen Geschwistern schon gebilligte Streichung ihres Namens aus der Firma. Er fragt, was denn passiert sei, außer dass man einem populären Dummkopf ein repräsentatives Amt gegeben, ihn aber zugleich durch ernst zu nehmende Ministerkollegen lahmgelegt habe. Deswegen sei Deutschland noch lange nicht am Ende. Aber nachdem er ein Manifest demokratischer deutscher Schriftsteller gegen die Nazis mitunterzeichnet hat, wird sein Name auf die Liste der zu Verhaftenden gesetzt, und zwar von eben der Regierungskoalition, zu der noch immer jene in der Tat ernst zu nehmenden konservativen Ministerkollegen gehören, die Steigbügelhalter Hitlers zu nennen, eine Beschönigung wäre, denn sie reiten mit, und Gustav Oppermann muss vor ihnen, um sein  Leben zu retten, aus seiner Heimat Deutschland fliehen.

  

Vergeblich weigert sich der Arzt Prof. Edgar Oppermann, die immer heftiger werdenden Angriffe der Nazipresse auf ihn zur Kenntnis zu nehmen. Aufgefordert, gegen die Verleumdung, er missbrauche Patienten für jüdisch-unwissenschaftliche Experimente, zu klagen, erwidert er, dass Menschen, die solche Artikel schreiben, und Menschen, die so was glauben, in eine Irrenanstalt gehörten und nicht vor Gericht.

  

Aber dass er recht hat, schützt ihn nicht davor, am 1. April 1933, dem Tag des ersten organisierten Boykotts aller jüdischen Geschäfte, Rechtsanwälte und Ärzte, aus dem Städtischen Krankenhaus, für dessen Ansehen über Deutschlands Grenzen hinaus er gelebt und gearbeitet hat, hinausgeworfen zu werden. Vergeblich auch versucht Martin Oppermann, das Möbelhaus, die in Generationen erarbeitete Grundlage der Existenz und des Wohlstands der Familie, vor dem Zugriff des durch seine Uniform und die neuen Gesetze geschützten Diebes zu retten. Vergeblich nimmt er jede Demütigung durch Wels hin, vergeblich kämpft er um jede Kleinigkeit, vergeblich vergrößert er von Mal zu Mal seine Zugeständnisse in der Hoffnung, die Zeit des Unrechts werde nur kurz sein und die von Hitler verkündete nationale Revolution sich schließlich nur als bloßer Regierungswechsel erweisen. Er verliert am Ende mit allen seinen Geschwistern doch das Ganze.

  

Nicht vergeblich ist der Kampf des siebzehnjährigen Schülers Berthold Oppermann gegen seinen neuen Klassenlehrer, dem Hitleranhänger Vogelsang. Der Lehrer nötigt Martins Sohn Berthold ein Referat über Hermann den Cherusker auf, unterbricht ihn jedoch mitten im Satz, dreht ihm das Wort im  Munde um, bezichtigt ihn fälschlich undeutscher Ansichten und verlangt dazu noch, dass Berthold sich entschuldige. Das tut Berthold nicht. Zwar endet sich Auseinandersetzung tödlich, denn vor die Wahl gestellt, entweder zu widerrufen oder die Schule zu verlassen, entschließt sich Berthold, nicht nachzugeben, sich dem Terror nicht zu beugen, lieber nicht länger zu leben als wissentlich lügen zu müssen; jedoch versteht er seinen Selbstmord nicht als Resignation, sondern als tätigen Widerstand, als die ihm einzig verbleibende Möglichkeit, laut die Wahrheit zu sagen.

  

  

 

Lion Feuchtwanger schrieb "Die Geschwister Oppermann" im französischen Exil vom April bis zum September 1933, wie er 1939 in einem Nachwort mitteilte, "das Leserpublikum der Welt möglichst schnell über das ganze Gesicht und über die Gefahren der Naziherrschaft auszuklären". Er wollte diese Zeit, die nach seinen Worten dunkelste, die Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg erlebt habe, für die Späteren lebendig machen: "Denn wenn diese Späteren noch so viele sachliche und kluge Berichte über unsere Zeit lesen werden, begreifen werden sie doch nicht". Und darüber, was lebendig machen für ihn bedeutete, schrieb er: "Der Autor eines Werks, wie ich es vorhatte, musste bemüht sein, die Einzelheiten des kleinen Tages, den er festhielt, scharf und genau zu  sehen, dabei aber den großen Ablauf der ganzen Periode nie aus dem Auge zu verlieren." Dennoch scheint es mir ein halbes Jahrhundert nach dem 30. Januar 1933 nötig zu sein, den Ablauf der Periode, die Vor- und Frühgeschichte der Naziherrschaft, deutlicher noch in Erinnerung zu bringen, als damals der Roman. Anders als Feuchtwangers Buch, das im Herbst 1933 erschien und sich an Zeitgenossen wendet, die Kenntnis der näheren Umstände, die zur Ernennung Hitlers geführt hatten, nicht mehr voraussetzen. Der Film ist darum mit einer Chronik der Ereignisse zwischen Anfang November 1932 und Anfang April 1933 durchschossen. Diese Chronik besteht aus Fotos, Zeitungsüberschriften und Ausschnitten aus Artikeln, wie sie damals zu sehen und zu lesen waren. Kommentarlos appelliert sie an das die Zusammenhänge suchende Mitdenken des Zuschauers, denn die Beschränkung auf historische Dokumente spiegelt im Ganzen wie in jeder Einzelheit die Unsicherheit und Verwirrung der damaligen demokratischen Presse, die keine geringere war als die ihrer Leser. Aber die Montage, die Art der Zusammenfügungen der Abbildungen, Meldungen und Meinungen sowie vor allem der Sinn ihrer Zuordnung und Verflechtungen mit der Handlung wird es, so hoffe ich, heutigen Zuschauern dennoch ermöglichen, jene Zusammenhänge, die den Zeitgenossen und Opfern Hitlers verborgen geblieben waren, rückblickend zu erkennen. Öffentliches und privates Leben, politisches und persönliches Handeln hängen in guten wie in schlechten Zeiten eng zusammen, nur wird der Zusammenhang in schlechten Zeiten nachdrücklicher wirksam, da er dann als Katastrophe auftritt, und zwar als politische wie als private.

(Quelle: Broschüre Das Fernsehspiel im ZDF, Zweites Deutsches Fernsehen, Informations- und Presseabteilung, Heft Nr. 39, Dezember 1982 - Februar 1983)


  
  

  

  

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 22. Dez. 2015

  

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