Eine Reise nach Deutschland 1987
Filmliste Heidi Genée Filmliste Jochen Ziem
Inhalt Ein DDR-Trabbi steht mit Reifenpanne auf einem westdeutschen Parkplatz unweit der Autobahn. Paul, im Rentenalter, hat keinen Kreuzschlüssel. Zur rechten Zeit hält Carl, der mit seiner Freundin von einem Kurzurlaub zurückkehrt, an und hilft dem Alten mit seinem Werkzeug aus. Überschwenglich bedankt sich Paul und lädt Carl zu einem Besuch nach 'drüben' ein. Er habe eine gemügliche Kate an der Ostsee, Rügen sei nicht weit. "Da fährst du doch nie hin", sagt Carls Freundin, die wieder einmal über seine Hilfsbereitschaft auch Unbekannten gegenüber empört ist. "Abwarten", meint Carl. Nach einer heimischen Auseinandersetzung ist es dann endlich soweit - Carl nimmt die 'unmögliche' Einladung an. Pauls Kate ist viel schöner als auf dem Foto. Und Paul hat eine Enkelin von siebzehn Jahren, Sonja, die sogleich unheimlich zu flirten beginnt. In die ausbaufähige Idylle platz am Abend überraschend Sonjas ältere Schwester Katja - in Uniform! Sie ist Offizier der Volksarmee. Nach dem sogenannten Kontaktsperregesetz darf sie als Geheimnisträger keinen Umgang mit West-Personen pflegen. Katja gibt deutlich zu erkennen, wie ernst sie den Befehl nimmt. Carl fühlt sich persönlich brüskiert. Trotz Sonjas Bitten will er am nächsten Morgen abreisen. Doch so einfach kann sich Carl nicht aus der Situation stehlen: Sein Auto kommt abhanden, und für die Dauer der behördlichen Untersuchung müssen Ost und West wohl oder übel unter einem Dach miteinandere auskommen. Carl und Katja sind jung. Das ganze Deutschland kennen sie nicht mehr, das jeweils andere heute so gut wie nicht. Persönlich habe sie keinerlei ideelle oder materielle Verluste bei der Geschichte anzumelden. Es liegt an den Umständen, wenn die Situation von Carls und Katjas kurzem Zusammenleben unfreiwillig die Züge einer deutsch-deutsche Komödie annehmen. ******
Finden, was man nicht verloren hat - Jochen Ziem zu seinem Film
Kürzlich musste ich zu meinem Frankfurter Verlag. Wir hatten uns festgeredet. Um meime letzte Maschine nach Berlin zu erreichen, bat ich den Taxifahrer, sich zu beeilen. Ach ja, Berlin, sagte er. Berlin... Sagen Sie bitte - ich hatte da neulich eine Unterhaltung mit meiner Frau -, wenn man mit dem Auto nach Berlin will, dann muss man doch nicht durch den Osten, oder? Meine Frau meint, man müsste. Schalten Sie denn nie "heute" oder die "Tagesschau" ein? fragte ich ihn. Dann können Sie doch genug Landkarte sehen und erkennen, dass Berlin näher an Polen als an Braunschweig liegt, eine Insel mitten im Fremdmeer der DDR. Ja? fragte der Taxifahrer, meinen Sie? Und nach kurzem Nachdenken: Ich würde gern mal mit dem Auto nach Berlin fahrer. Aber wenn ich dorthin durch den Osten reisen muss, habe ich das Gefühl, eine gefährliche Wüste durchqueren zu müssen.
Ich frage mich: Wie viele sind es, die jährlich diese Reise in die gefährliche Wüste antreten? Nach der Statistik nicht mal eine Million Bundesbürger jährlich. Doch in der Bundesrepublik Deutschland leben sechzig Millionen Menschen, von denen Jahr für Jahr etwas fünfzehn Millionen ins westliche Ausland reisen. Und das die eine Million Wüstenwanderer nicht numeriert wird, kann ich nicht beurteilen, ob es immer wieder die selben Leute sind, die ihre Omis, Nichten und Neffen drüben besuchen. Kommt ein kleines oder größeres Potential von Neugierigen hinzu? Wenn ja, mit welchen Gefühlen, welchen Vorstellungen, Erwartungen, Ängsten, mit welchem Misstrauen oder Hochmut mögen dann die Terra incognita betreten, die ihnen weder durch Verwandtenpost noch durch Fernsehnachrichten oder Zeitungslektüre nahegebracht worden ist? Wissen sie überhaupt, dass sie trotz aller Trennungen und allem Trennenden von Deutschland nach Deutschland reisen, dass sie ein Land betreten, zu dessen Nationalhymne immer noch die Worte "Deutschland, einig Vaterland" gehören?
Aufgewachsen in diesem seltsam-künstlichen Gebilde aus Funktionsherrlichkeit, Kleinbürgermief und Sowjetmacht, kenne ich mich aus den Empfindlichkeiten dieser Gesellschaft. Auch, wenn ich mich in diesem Land nicht mehr heimisch fühle, treffe ich doch auf genügend Verwandtes und Bekanntes: Fleiß, Ordnungsliebe, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Geradlinigkeit bis zur Einfallsarmut und Tricklosigkeit, alles typisch deutsche Verhaltensweisen, Tugend und Untugeld zugleich. Ich habe mich in der DDR sogar mal beim Anfall eines deutsch-nationalen Gefühls ertappt. Am Kontrollpunkt Drewitz hatte mich die Volkspolizei aus dem Auto heraus verhaftet, weil ich angeblich an einem Unfall mit Personenbeteiligung beteiligt gewesen sei. Ich wurde in einen fensterlosen Barackenraum geführt. Eine Neonfunzel verdunkelte den Raum mehr, als dass er ihn erhellte. Die einzigen Möbel, ein Tisch und drei Stühle waren vertrauensbildend mit Winkeleisen am Fußboden festgeschraubt. Da saß ich zwei Stunden und hatte Zeit, darüber nachzugrübeln, was die Vopo oder die DDR mir anhängen wollte oder anhängen könnte.
Ich hatte im letzten Jahr in einem Satiremagazin Monat für Monat bissige, ironische Kommentare über die DDR-Kulturpolitik veröffentlicht. Wollte man mich jetzt dafür prügeln, mir vielleicht eine hübsche Volkspolizistin in den Kofferraum schummeln, um mich wegen Fluchthilfe zu bestrafen? Dreh nicht durch, rief ich mich selbst zu Ordnung. Die DDR ist zwar ein humorloser Bürokratenstaat, aber du bist nicht in Chile oder Haiti. Du bist immer noch in Deutschland!? So etwas wie Identität baute sich auf. Man weiß, wer und so man ist. Da kann schließlich nicht jeder von sich sagen. Wie aber fühlt sich ein Ostreisender aus jener Generation, die zu jung ist, um drüben etwas verloren haben zu können? Ein Haus in Dresden, den Acker in Hohenstein-Ernsthal, die Oma in Zinnwald, nahe der Grenze zum Böhmischen oder 'Erinnerung' überhaupt.
Das ist der Ausgangspunkt meiner Geschichte "Eine Reise nach Deutschland". Da fährt der selbständige Schlosser Carl aufgrund einer zufällig zustande gekommenen Einladung von der Ruhr an die Ostsee unweit Rügens. Er hat keine Vorurteile. Er glaubt auch nicht, dass es sich bei dem anderen Staat auf deutschem Boden um ein "unsinniges und unseliges Regime" handelt. Er ist ganz und gar unpolitisch. Für den Autor eine gute Voraussetzung, um über eine solche Person Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen.
Kann man von Deutschland nach Deutschland reisen? Ja. Das eine ist anders als das andere. Aber wie wir es auch drehen und wenden: Wir bleiben immer unter uns. Von vielen möglichen Erkenntnissen ist das natürlich nur eine ..... Jochen Ziem (Quelle: Broschüre "SPIEL IM ZDF", Heft 3, März 1987, ©1987 by Zweites Deutsches Fernsehen, Information und Presse / Öffentlichkeitsarbeit, Mainz)
Layout: Rosemarie Kuheim - Deutsches Filmhaus Aktualisiert am 5. Oktober 2026
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