Gundas Vater 

Erstsendung 3.3.1987

 

Filmliste Michael Verhoeven

  

   

   

 

Regie

Michael Verhoeven

Drehbuch

Michael Verhoeven

Redaktion

Helmut Rasp

Produktion

Sentana Filmproduktion Michael Verhoeven GmbH, München

Kamera

Igor Luther

Ausstattung

Gert B. Venzky

FSK

-

Länge

ca. 100 Minuten

Sonstiges

-

Auszeichnung

-

Genre

Fernsehfilm

      

    

  

Darsteller

Rolle

Karin Thaler

Bekam für diesen Film den "Goldenen Gong" verliehen

Gunda
Monika Baumgartner Gundas Mutter
Karl Scheydt Gundas Vater
Philipp Seiser Manfred
Wilfried Klaus Verteidiger
Fred Berhoff  
Axel Scholtz  
Richard Aigner  
Michele Sterr  
Ewald Prechtl-Hühsam  
Franz Hanfstingl  
Ludwig Wühr  

      

      

       

Inhalt

Ein unheimlich starkes Mädchen ist diese Gunda. Sie ist siebzehn, liebt das Leben und ihren Manfred. Aber schlafen will sie nicht mit ihm. Das ärgert ihn, doch er hält diese Eigenart für eine von Gundas Spinnereien und denkt sich: "Das wird schon wieder...". Gunda mag darüber nicht sprechen.

 

Gunda zieht sich gern verrückt an. Sie möchte Modeschöpferin werden. Ihre Mutter ist dagegeb. Sie soll etwas Vernünftiges lernen. Gunda bekommt eine Lehrstelle in einer Schneiderei. Sie hat aber ständige Reibereien mit der Chefin und geht nicht mehr hin. Schließlich landet sie in einer Kleiderfabrik.

 

Gundas Mutter hat einen Stehausschank. Sie ist eine patente Frau, die ihren Laden fest in der Hand hat.

 

Gundas Vater kann seit einem Unfall nicht mehr arbeiten. Er hockt herum, wacht über die Arbeit der anderen, verschafft sich Anerkennung durch Wehleidigkeit und Brutalität.

In der Fabrik ist Gunda nicht glücklich. Sie weiß genau, was sie will, nur weiß sie nicht, wie man das erreicht. Gunda hat Mut und Fantasie. Aber sie scheitert an der Mut- und Fantasielogkeitkeit der anderen.

 

Eines Tages ersticht Gunda ihren Freund Manfred. Niemand versteht diesen Mord. Vor Gericht schweigt sie. Nur auf Umwegen bringt ihr Verteidiger heraus, dass Gundas Vater sie seit Jahren missbraucht hat.

 

*****

 

Auch mein Film EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG (1973) hat im Gerichtssaal geendet. Die Richter wollten die junge Angeklagte verurteilen. Doch das Mädchen schwebt mit dem Eisprinzen in ihre Wunschwelt davon. Die Richter haben das Nachsehen. In GUNDAS VATER gibt es ebenfalls kein Urteil. Der Film endet vorher. Aber für Gunda gibt es keine Flucht in die Welt der Träume. Gunda muss ihre Wirklichkeit aushalten.

 

Die Parallele zu meinem Film EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG ist beabsichtigt. Auch wenn Gunda als Figur dann eine ganz andere, eigene Entwicklung genommen hat. Eins hat sie mit Sonja, dem Mädchen aus dem ABGANG... gemeinsam. Sie will kein Opfer sein. Sie hat beschlossen, dass man mit ihr nicht machen kann, was man will. Sie wehrt sich. Auch gegen Manfred, den sie am meisten liebt und auf den sie sich ganz verlassen möchte. Einmal verhält sich Manfred wie Gundas Vater. Da setzt sie Gewalt gegen Gewalt und bringt ihn um.

 

Ich habe mich in meinem Film nicht so sehr für den Täter (= Vater) interessiert, sondern für das Opfer, das selbst zum Täter wird. Ich habe mich gefrage: Warum schweigen diese Mädchen?

 

In unserem Land werden jährlich ungefähr 300 000 Kinder sexuell missbraucht. Fast immer sind es Mädchen. Nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes ist in etwa einem Viertel der Fälle der Täter kein Fremder, auch kein Bekannter oder naher Verwandter, sondern der eigene Vater. Auch Stiefväter oder Lebensgefährten der Mutter sind hierbei erfasst. Die Beteiligung der Mutter ist offensichtlich. Sie übersehen die Signale der Mädchen, merken nichts oder wollen nichts merken. Viele Mädchen schweigen aus Mitleid mit der Mutter. Viele haben Angst, dass die Mutter ihnen die Schuld zuschiebt. Auch Gundas Mutter nimmt ihren Mann in Schutz. Sie glaubt, Gunda habe es "darauf angelegt", habe den Vater durch ihre Kleidung und ihr ganzes Benehmen provozieren wollen. "Das wissen'S ja selber, sagt sie zu Gundas Verteidiger, "dass man da als Mann machtlos ist!"

 

Das Opfer ist demnach selber schuld. "Es gibt gar nicht so viele Vergewaltiger wie Frauen, die vergewaltigt werden wollen", hat einmal ein Wiener Polizeichef in "Club 2" gesagt. Auch die deutsche Justiz bestätigt dieses Vorurteil gern. Bei keinem anderen Verbrechen wird so häufig freigesprochen. Dabei wird kaum ein anderes Verbrechen so selten überhaupt angezeigt. Die betroffenen Mädchen schweigen lieber. Vielleich wissen sie, dass sie bei der Polizei oder vor Gericht noch mal durch den Dreck gezogen werden.

 

Der Vater, der seine Tochter missbraucht, kann mit der Nachsicht der Polizei, der Anwälte, Staatsanwälte, Richter und Gutachter rechnen. Fast immer ist er ein unbescholtener Durchschnittsmensch ohne besondere Merkmale, ein braver Familienvater, unglücklich verstrickt, eigentlich jemand zum Bedauern.

 

Der Fall eines Vaters, der seine Tochter missbraucht, gilt als der Ausnahmefall sexueller Gewalt. Falsch. Er ist der typische Fall. Und er zeigt vielleicht am deutlichsten die Verächtlichmachung weiblicher Sexualität.

 

Die Mädchen schweigen. Aus Angst vor Strafe, aus Angst, dass man ihnen nicht glaubt. Aus Angst, die Familie in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Mit allen Mitteln versuchen Mutter und Geschwister, dass missbrauchte Mädchen von einer Anzeige gegen den Vater abzuhalten.

 

Die Mädchen schweigen. Auch Gunda schweigt. Aus Scham, aus Angst. Und um sich zu behaupten.

 

GUNDAS VATER ist nicht die Beschreibung eines wirklichen Falles. Der Fall soll nicht exemplarisch oder gar typisch sein. Gundas Fall ist eine Erfindung. Grundzüge verschiedener wahrer Begebenheiten habe ich darin aufgenommen. Ausgangspunkt ist Gundas Schweigen.

 

(Michael Verhoeven)

 

(Quelle: Broschüre "SPIEL IM ZDF", Heft 3, März 1987, Seiten 30/31 und 38/39, ©1987 by Zweites Deutsches Fernsehen, Information und Presse / Öffentlichkeitsarbeit, Mainz)

 

  

  

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim - Deutsches Filmhaus

Aktualisiert am 1. Oktober 2026

  

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